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VI. Zur Metaphysik.

Zweite Rede. Die sociale Aufgabe der Gegenwart. | Dritte Rede. Das göttliche und das menschliche Gesetz. | Zehnter Essay. Das regulative Princip des Socialismus. | Der Gralsorden. | Loherangrin-Kapitel. | Ausstoßung. | I. Zur Psychologie. | II. Zur Physik. | III. Zur Aesthetik. | IV. Zur Ethik. |


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ii506

Die einzige Endursache, die der immanente Philosoph zugeben kann, ist das Nichts; jedoch bestimmt er ausdrücklich, daß diese einzige Endursache nur in regulativer Weise aufgestellt werden könne und gebraucht werden dürfe. Man darf deshalb nicht in constitutiver Weise sagen: Die Welt hat eine Endursache, sondern man muß sagen: die Welt bewegt sich, als ob sie eine Endursache habe.

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Das metaphysische X kann Gott genannt werden. Gott ist aber nicht mehr: er ist gewesen, ist todt. Die Welt aber trägt gleichsam seine Einheit als dynamischen Zusammenhang zu Lehen.

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Ich muß es immer und immer wieder sagen: Wir Menschen sind dabei gewesen, als diese Welt entstanden ist, ja, ihre Entstehung und ihre Beschaffenheit sind auf unseren Beschluß zurückzuführen. Das ist die echte und wahre Aseität des Willens, nicht die von Schopenhauer behauptete, wunderbare, die sich auf dem Sterbebett offenbaren solle. Im Leben giebt es keine Freiheit. Vor der Welt gab es nur Freiheit.

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Es ist sehr merkwürdig, daß die Freiheit nie definirt wurde: der Essentia gemäß handeln, während es doch anscheinend die allein richtige Definition gewesen wäre. Denn das Gegentheil der Freiheit: der Zwang, wird sehr richtig definirt: Gegen die Essentia handeln müssen. Auch ist es eine eigenthümliche Abstraktion, das Ich mit seinem Wesen, das es doch ist, das es allererst ausmacht, das es vollkommen deckt, wie zwei gleiche Figuren sich decken, in einen Widerspruch zu setzen und das Ich von seiner Natur zu trennen. Nichts wäre also natürlicher gewesen, als alles Das frei zu nennen, was seiner Natur gemäß leben kann. Warum hat man nun die Definition nicht angewandt? Aus dem sehr einfachen Grunde, weil alsdann das Thier in den meisten Fällen frei handeln würde, und es bei dem Menschen doch gerade darauf ankommen soll, gegen sich aus eigener Kraft zu handeln.

Nun ist es ganz recht, die Freiheit in das liberum arbitrium zu versetzen; denn darum handelt es sich: ob ich in einem gegebenen Fall irgend Etwas thun oder auch lassen kann.

ii507 Aber man hatte auch sofort einsehen müssen, daß in der Welt eine solche Freiheit nicht möglich sei; denn wo eine bestimmte Natur mit einem zureichenden Motiv zusammentrifft, blitzt die That auf, wie der Funke bei der Berührung von Stein und Eisen.

Die richtige Definition der Freiheit ist also nur auf Gott vor der Welt anwendbar. Er konnte sich zur Welt entlassen oder nicht, trotz seiner Essentia, die wir nicht kennen. Und in diesem Sinne ist die Freiheit unerfaßbar; denn in der Welt kennen wir nur die totale Abhängigkeit des Ichs von sich selbst und dem entsprechenden Motiv, also nur Nothwendigkeit. Bei Gott aber müssen wir die Unabhängigkeit von Natur und Motiv postuliren, d.h. die wahre indifferentia. Denn als er war, war er ja Alles in Allem und kein Motiv vorhanden; das fällt fort.

Nun ändert sich aber die Sache. Einmal für das Dasein entschlossen, d.i. entschlossen, das Uebersein dem Nichtsein zu opfern, mußte die vorhandene Essentia den Beschluß ausführen, und deshalb trat überhaupt die Welt in die Erscheinung; denn es handelt sich in dem Proceß lediglich darum, die Essentia, das Hinderniß, aus dem Wege zu räumen, es zu brechen, zu schwächen und endlich zu vernichten.

Nur so lösen sich die Widersprüche, und die Frage, warum Gott, wenn er nicht sein wollte, erst sein mußte und nicht sofort zerfloß, wird beantwortet. Auch ist die Allmacht kein Hinderniß. Denn die einfache Einheit konnte, was sie wollte. Das war ihre Allmacht; nicht aber, daß sie wollte ohne Wesen, was absurd ist. Wo eine Existenz ist, da ist auch eine Essenz, und das ist der einzige Faden, der vom immanenten Gebiet auf das transscendente hinübergeht – alles Andere ist ewig dunkel für uns.

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Das Streben nach einer Einheit ist einer gesunden Vernunft würdig. Die besten Geister haben sich ihm gewidmet und nur darin geirrt, daß sie die Einheit in die Gegenwart hinter die Welt setzten, während sie in der Vergangenheit liegt.

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Wir nehmen ein Wunder an, ein einziges, weil wir müssen. Und wir dürfen es, weil wir es vor das Naturgesetz legen, nämlich vor die Entstehung der Welt, die dieses Wunder selbst ist.

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ii508 Der Widerspruch der Welt mit der Allmacht vor der Welt ist nur scheinbar. Was heißt Allmacht? Sie kann nur bedeuten: Bald dieses, bald jenes sein. Das Sein ist also Bedingung. Es handelt sich aber um Nichtsein. Es kann keinem Theologen einfallen zu sagen, Gott habe die»Allmacht«, nicht zu sein.

Ebenso ist die wirkliche Freiheit als liberum arbitrium indifferentiae vor der Welt doch nur so zu verstehen, daß Gott im Uebersein bleiben oder sich zum Sein zersplittern konnte. Wenn er auch absolut frei war, dies oder jenes zu thun, so war er doch nicht frei von einem bestimmten Wesen und für dieses bestimmte Wesen war die Zersplitterung zu einer Welt des langsamen Processes, oder was dasselbe: die Schwächung durch den Kampf im Sein, Bedingung, das Nichtsein, die Erlösung zu erreichen. Die Freiheit, nicht zu sein, hatte er nicht, weil er eben eine seiende Natur hatte, ein bestimmtes Wesen, dessen Gesetzen er unterworfen war.

Das ist auch genug. Das Vergangene, über dem der transscendente undurchdringliche Schleier liegt, ist hin. Richtet den Blick in die Zukunft: in ihr liegt alles Heil.

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Der Teufelsglaube hat drei starke Wurzeln:

1) die Furcht;

2) das logische Bedenken, daß ein reiner Lichtgott dem Menschen Böses zufügen könne;

3) den Trotz des Individuums.

Das gesunde Individuum sträubt sich nämlich mit furchtbarer Energie gegen einen allmächtigen Gott, während sich das kranke in hellem Wahnsinn in die glühenden Arme des Moloch wirft und sich verbrennen läßt.

Der Gedanke, daß die Macht Gottes keine Allmacht sei, daß sie von der Macht eines bösen Princips beschränkt sei, ließ das gesunde Individuum vor Freude bis in den Kern seines Wesens erzittern.

Ich dich ehren? Wofür?

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Hast du nicht Alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

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Jeder ist Sklave und Herr zugleich, Werkzeug und Meister in Absicht auf das Schicksal.

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ii509 Der einzige Einwand, den man gegen meine Metaphysik machen kann, ist der: das Endziel der Welt muß nicht das Nichts sein; es kann auch ein Paradies sein. Der Einwand ist aber unhaltbar.

Erstens hatte die vorweltliche Gottheit die Allmacht zu sein, wie sie wollte. Hätte sie demnach eine Menge reiner edler Wesen sein wollen, so würde sie sofort ihren Wunsch haben befriedigen können und ein Proceß wäre unnöthig gewesen.

Zweitens kann man nicht sagen: der Proceß mußte stattfinden, weil die Gottheit keine reine Gottheit war; der Proceß reinigt sie. Denn diese Aussage wird zunächst von der Allmacht Gottes vernichtet, dann dadurch, daß das Wesen Gottes dem menschlichen Geist ganz verhüllt ist. Wer giebt mir also das Recht zu sagen, Gott wäre ein unreiner Gott? Das Alles ist ja blauer Dunst.

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Die wahre metaphysische Bedeutung der Welt, das Credo aller Guten und Gerechten, ist die Entwicklung der Welt mit der Menschheit an der Spitze. Die Welt ist Durchgangspunkt, aber nicht zu einem neuen Zustand, sondern zur Vernichtung, die selbstverständlich außerhalb der Welt liegt: sie ist metaphysisch.

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Die Milde ist die Blüte der Wahrheit. Ridete puellae! Küsset und herzt euch, ihr Jünglinge und Jungfrauen! Schmückt euch mit Rosen, singet und tanzet, windet Kränze, jubelt oder schmachtet an der Quelle! Wir im abgesonderten Haufen blicken nicht verächtlich auf euch herab; wir wissen nur, daß wir das bessere Theil wie die Maria des Evangeliums erwählt, daß wir einen kürzeren Weg haben als ihr. Aber Ein Ziel ist das unserige.

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Der Ausspruch:»Das Kindererzeugen ist ein Verbrechen,«geht doch etwas zu weit. Humboldt konnte ihn auch nur in der Täuschung thun, daß das Kind etwas Neues sei. Das Kindererzeugen kann kein Verbrechen sein, da Kind und Vater ja Eines sind. Aber es ist eine riesige Thorheit, die größte Thorheit.

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Das Schöne ist der Reflex aus dem vorweltlichen Dasein, das Gute der kühle Schatten, den das nachweltliche Nirwana in den»schwülen Tag«des Lebens vorauswirft.

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ii510 Die Bewegung des Weltalls ist die Bewegung aus dem Uebersein in das Nichtsein. Die Welt aber ist der Zerfall in die Vielheit, d.h. in egoistische, gegeneinander gerichtete Individualitäten. Nur in diesem Kampf von Wesen, die vorher eine einfache Einheit waren, kann das ursprüngliche Wesen selbst zerstört werden. Der Zerfall war die erste That, der Anfang der gedachten Bewegung, und es bleibt dabei, daß die Welt und ihre Beschaffenheit anzuknüpfen ist an das einzige Ende, das aus dem transscendenten Gebiet auf das immanente herüberragt: die mit einer Essentia verbundene Existenz. Diese Essentia machte den Proceß nöthig, sonst würde er überflüssig sein.

Die Weltbewegung ist also, in Beziehung auf den ersten Zerfall in die Vielheit, Bewegung aus dem für uns unbegreiflichen Ursein, d.h. relativen Sein, durch das wirkliche Sein in das absolute Nichtsein. Und zwar konnte diese Bewegung keine andere sein. Sie mußte so sein wie sie ist: nicht im Wesen anders, nicht länger, nicht kürzer.

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Das Gesetz der Schwächung der Kraft ist Weltall-Gesetz. Für die Menschheit heißt es Gesetz des Leidens.

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Man hat zwischen zwei Arten von Pantheismus zu unterscheiden: dem starren spinozistischen und dem Pantheismus mit der Entwicklung. Ersterer ist eigentlich der echte; denn sein Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, zeitlos und unveränderlich. Der Entwicklungs- Pantheismus dagegen ist aus einem Compromiß entstanden, das, wie Kladderadatsch sagt,»immer unmännlich«ist. Während die Welt dem Spinoza ein zielloses unendliches Werden ist, ist die Welt dem Herrn von Hartmann ein durch Ziele unterbrochenes, aber doch auch ein unendliches Werden. Denn vor dieser Welt sind zahllose andere gewesen und nach ihr werden wieder zahllose andere sein. Der Wille als Potenz bleibt nach jedem Proceß erinnerungslos und die mathematische Formel, die Hartmann anführt, um zu beweisen, daß die Möglichkeit neuer Weltenbildungen geringer werde, ist eitel Wind.

Hier liegt erstens die Trostlosigkeit alles Pantheismus’ klar zu Tage, zweitens die ungenügende Welterklärung. Zu sagen:»Die Welt ist durch einen Urzufall«kommt dem Verzichte gleich, |

ii511 sie zu erklären. Die Frage: warum die Begierde den Willen ergriff, aus dem Uebersein in das Sein zu treten, d.h. die Welt zu erzeugen, bleibt ohne Antwort. Einen Weg der Welt aber ohne Zweck und Ziel und Ende annehmen (die Ruhepunkte in dem»beliebig oft«repetirenden Vorgang fallen außer Betracht, da von dem Ende eines Weltprocesses bis zum Beginn des nächsten ja keine Zeit ist: der Weltproceß als solcher also eigentlich nie absolut endet) heißt den tiefernsten Charakter, den der ganze Verlauf dieses Processes an sich trägt, zu einem vollendet grausamen verschärfen.

Was hat eine Philosophie, die von solchen Voraussetzungen ausgeht, dem Individuum, das nach Erlösung von der Qual des Daseins schreit, von Trost zu bieten? Sie schmiedet den todesmatten Kämpfer, der dem Weltganzen für immer entfallen will, mit eisernen Händen an das ewig rollende Rad des»unendlichen Werdens«, und träufelt in die brennende Wunde seiner schmerzvollen Erkenntniß: daß Leben und Leiden Ein und dasselbe, statt eines Balsams, nur das ätzende Gift des trostlosen Gedankens, weder durch sich selbst, noch in und mit der Gesammtheit, die volle und ganze Vernichtung seines Wesens je erreichen zu können. Die erschütternd sich von ihm losringende Klage: Wozu dann aber diese Pein in infinitum ohne Sinn und Resultat, ohne Trost und ohne Rast? – verhallet ungehört.

Der Atheismus, wie ihn meine Lehre begründet, – zum ersten Male wissenschaftlich begründet hat, – giebt dem großen Problem der Entstehung und Bedeutung der Welt, mit der Lösung zugleich auch die Versöhnung. Er kennt vor dieser Welt keine Welt und keine nach ihr. Sie ist ihm ein einziger großartiger Proceß, der weder eine Wiederholung ist, noch eine Wiederholung haben wird; denn vor ihm liegt das transscendente Uebersein und nach ihm das nihil negativum. Und dies ist keine eitle Behauptung. Die Deduction ist durch und durch logisch, und Alles in der Natur unterschreibt das Resultat, vor dem wohl ein schwacher Geist zitternd zusammenbrechen mag, der Weise aber freudig bis in’s Innerste seiner Seele erbebt. Nichts mehr wird sein, Nichts, Nichts, Nichts! –

O dieser Blick in die absolute Leere! –

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Die Scheidung des immanenten vom transscendenten Gebiete ist meine That und mein Trost im Leben und Sterben.

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Дата добавления: 2015-11-14; просмотров: 56 | Нарушение авторских прав


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V. Zur Politik.| Eine naturwissenschaftliche Satire.

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